22. Spieltag – zwischen Debb und Deifl

Es ist angerichtet

Viel besser hätte dieser 22. Spieltag bis jetzt nicht laufen können für uns.

Kiel lässt nun doch endlich – wie schon seit dem dritten Spieltag von allen Experten prophezeit – Federn, Düsseldorf patzt gegen Union Berlin, Ingolstadt leistet sich eine Nullnummer gegen Aue und Duisburg ein Unentschieden gegen Bielefeld (gibt´s doch gar nicht!).

Mit einem Dreier in St. Pauli stünde der Glubb da, wo er hingehört: auf Platz 1!

„Gelingt Nürnberg der Sprung an die Spitze?“,fragt der Kicker.

„Heute stürmt der 1.FC Nürnberg an die Spitze!“ – Das Blatt mit den vier großen Buchstaben weiß es schon sicher.

Und sogar die Nürnberger Nachrichten formulieren relativ forsch: „Der Serien-Club bläst zum Angriff auf die Spitze“

Spitze! Mir ist schon jetzt ein bisschen blümerant zumute. Da ist zum einen die gespannte Vorfreude auf das Spiel mit all den Möglichkeiten und Chancen, die sich durch einen Sieg auftun. Aber da ist halt – wie könnte es anders sein – auch mein fränkisches Naturell. Den Spruch, der mit „Der Glubb is a…“ beginnt, habe ich eigentlich aus meinem Wortschatz gestrichen. Und doch schleicht er sich klammheimlich und fies von hinten immer wieder in mein Gehirn.

Was meint ihr? Ist das heute eine einmalige Chance, an die Tabellenspitze zu springen, die man sich nicht entgehen lassen darf – oder ist der Erwartungs-Druck auf unsere Jungs zu groß? Reden wir uns wieder unseren „Debbn“ herbei?

Ich hoffe, Behrens und Co. machen sich nicht so viele Gedanken wie ich. Sondern spielen einfach mit gesundem Selbstbewusstsein und dem Selbstvertrauen, das sie aus den vergangenen Partien mitnehmen konnten. Und mit guten Nerven, denn meine sind schon wieder am Flattern.

 

FORZA FCN!

21. Spieltag – Club gegen Erzgebirge Aue

Engala und Deifl

Mein Dauerkarten-Nachbar Ulf ist ein Cluberer durch und durch. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt bedarf es mitunter nur zwei Minuten im Spiel unseres Glorreichen. Norbert und ich kennen das. Seit Jahren. Oft genug haben wir es erlebt: Ulf schwärmt vor dem Spiel vom „neuen“ Glubb, von bestimmten Spielern, von hohen Siegen. Und sitzt dann fünf oder zehn Minuten nach dem Anpfiff völlig ernüchtert und auf den Boden der Tatsachen geholt mit verschränkten Armen und starrem Blick auf dem Sitz.

Am Freitag vor der Partie gegen Erzgebirge Aue hatte Ulf nicht nur offensichtlich einen Clown gefrühstückt, sondern sich auch noch pushen lassen von einem Video, das Andi in unsere Whatsapp-Gruppe gestellt hatte: Es zeigt unsere Kurve in der Westvorstadt beim Derby, als wir nach dem grandiosen und historischen Sieg lauthals und inbrünstig „Ohhhhhhh – der FCN steigt wieder auf“ gesungen hatten.

Eine normale Unterhaltung mit Ulf war vor dem Spiel quasi nicht mehr möglich. Er hat immer nur diese Melodie vor sich hin gesungen und gesummt. Dazwischen hin und wieder etwas von einem hohen Sieg gemurmelt. Auch Andi schlug in diese Kerbe und unterstützte Ulf, indem er einen Kantersieg prophezeite.

In meinem Innern tobt in solchen Situationen immer ein Kampf. Der zwischen dem fränkischen Pessimismus-Teufelchen und dem froh gemuten Optimismus-Engelchen. Während also das „Engala“ auf der einen Schulter sitzend in mein Ohr raunte: „Recht hat er, lass deiner Vorfreude freien Lauf, sei entspannt, das wird schon!“, mahnte mich postwendend der „Deifl“ von der anderen Seite: „Wer hoch fliegt, fällt tief. Wie oft hat dich der Club schon enttäuscht? Wär´s nicht typisch Club, heute zu verlieren?“

Diesmal hatte ich mich für die fränkisch-zurückhaltende Variante des „Engala“ entschieden: vorsichtig-leise Zuversicht mit kribbelnder Vorfreude und auf Wiedergutmachung für das Hinspiel hoffend. Ulf´s Euphorie war einfach zu ansteckend.

Ulf ließ sich sogar zu den Ansage hinreißen, er würde beim Stand von 3:0 auf den Zaun klettern und singen. Das Attribut „nackig“ haben wir ihm noch untergeschoben. Ulf hat nur gelacht, geklatscht und gesungen. Bis das Zweinull fiel. Ab da dosierte er seine Anfeuerungsrufe und die Gesänge deutlich. Die Freude, als das Dreinull, fiel, war natürlich trotzdem unbändig – und wir ließen es Ulf gerne durchgehen, dass er, anstatt auf den Zaun, auf den Sitz kletterte und jubelte und auch, dass er seine Klamotten anbehielt. Was für ein Spiel, was für ein Jubel, was für eine Ausgelassenheit. Dass es dann sogar vier Tore für uns auf der Habenseite wurden, ließ das eine Gegentor (das ich im Übrigen gar nicht mitbekam…) leicht verschmerzen. „Träumst du nicht auch von Europa?“, „Wenn du mich fragst, wer Meister wird…“, „Nürnberg ist meine Stadt“ und natürlich „Ohhhhhhh – der FCN steigt wieder auf!“ schallte es aus der Nordkurve in die fränkische Nacht und die Welt hinaus und nie war es schöner, lauthals mitzusingen, mitzuklatschen und sich von der Stimmung mitreißen zu lassen.

Nach dem Spiel hatten wir alle einen Clown intus und ich war voller Adrenalin. Aber gleichzeitig war mein Kopf nicht in der Lage, das Spiel zu realisieren, zu begreifen, die Gefühle zu verarbeiten. Ulf antwortete auf jede Frage nur singend mit „Wenn du mich fragst…“ und als wir Stunden später in einer Bar in Zabo standen, zugegebenermaßen freudetrunken (dank Francesco), reichte ein Blickkontakt zwischen Andi, Klaus und mir – und wir sangen wie auf Kommando „Ohhhh – der FCN steigt wieder auf!“ Der Club kann einfach berauschend sein!

Trotzdem heißt es jetzt, einen kühlen Kopf zu bewahren. Noch 13 Spieltage sind es. Im Moment schaut es gut aus. Sagt das „Engala“. Und den „Deifl“ lassen wir jetzt einfach mal nicht zu Wort kommen!

20. Spieltag – Club gegen Union Berlin

Zeitmaschine

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Was gerade eben passiert, steht in zwei Minuten schon im Netz und ist in fünf Stunden schon wieder veraltet. Zudem habe ich das ungute Gefühl, dass mit zunehmendem Alter, die Zeit immer schneller rast. Ist es tatsächlich schon wieder fast elf Jahre her, dass wir den Pokalsieg glückselig und freudetrunken gefeiert haben? Dass wir seitdem zwei Mal abgestiegen sind und nun schon wieder die vierte Saison in dieser vermaledeiten und ungeliebten zweiten Liga rumgurken? Dass uns unsere Auswärtsfahrten in so aufregende Orte wie Sandhausen, Heidenheim und Aue führen? Wie gestern kommt es mir vor, dass wir zum diesjährigen Saisonstart Ende Juli Lautern mit 3:0 geschlagen haben. Und im Stadion alle gehofft und gespürt haben: Das kann was werden diese Saison! Und jetzt ist tatsächlich schon der 20. Spieltag vorbei – und unser Herzensverein steht auf Platz 2!

Während also Jahre vergehen wie Monate und Stunden wie ein Wimpernschlag, und ich mir oft wünschte, die Zeit anhalten oder wenigstens verlangsamen zu können, gibt es genau eine Situation, in der ich mir nichts mehr herbei sehne, als einen Zeitbeschleuniger.

Jeder Clubfan weiß ganz genau, was ich meine.

Es ist für mich ja ohnehin schon schlimm genug, ein Fußballspiel des Glorreichen brav auf einem Stuhl sitzend anschauen zu müssen. Noch schwieriger wird´s dann, wenn nach einem flotten Beginn der Rot-Schwarzen und einem frühen Einsnull die Partie immer zerfahrener und fehlerhafter wird. Wenn plötzlich aus allen Ecken und Enden immer mehr geschimpft und gesottert wird. Wenn Gegentore herbei geredet werden („Edz bassierd’s!“) und den immer gleichen eigenen Leuten Fehler zugeschrieben werden („Des woar gloar, dass der denn widda blous vurdrischt!“).

Dann gibt es ihn doch plötzlich, diesen wundersamen Zeit-Entschleuniger. Dann vergehen Wimpernschläge wie Sekunden und Minuten wie Stunden. Ab der 11. Minute habe ich mir inbrünstig den Abpfiff gewünscht. Genützt hat es freilich nichts. Weitere 83 Minuten habe ich mal wieder gelitten, mit schweißnassen Hände ab und zu an meinem Bier genippt, krampfhaft versucht, die Kommentare der anderen Kneipenbesucher auszublenden, habe mir die Augen zugehalten, gezittert. Was ein Glück, dass die Unioner ihre guten Chancen nicht nutzten und unser Torwart Fabian Bredlow einen weitaus besseren Tag hatte als gegen Regensburg. Spielbestimmend waren eindeutig die Hauptstädter, unsere Mannen zeigten kaum Offensivgeist – was auch nicht gerade dazu beitrug, meinen Puls zu beruhigen.

Nun, aber ich will nicht jammern. Das ist erstens unsexy und zweitens nicht nötig: Wir haben ganz souverän und entspannt drei Punkte in Berlin geholt, liegen aktuell auf Platz 2. Clubberer-Herz, was willst du mehr? Außer vielleicht, dass die Zeit schneller vergeht und dies schon der 34. Spieltag gewesen wäre….

19. Spieltag – Club gegen Jahn Regensburg

Ich hatte ein schlechtes Gefühl. Kennt ihr das? So eine Gemengenlage aus Vorfreude, Aufregung und Unwohlsein. Als ich am Nachmittag im Büro saß, beschlich es mich ganz fies von hinten. Und das lag ausnahmsweise mal nicht an den Fürther Kollegen. Die sind im Moment (angenehm) still. Ein gewisses heimliches Grinsen werden sie sich spätestens nach dem Abpfiff unserer Partie gegen Aufsteiger Jahn Regensburg nicht verkniffen haben. Hätte ich an ihrer Stelle auch nicht.

Von meinen eigenen Freunden bin ich zudem heftig gerügt worden für meine Vorahnung. „Du wieder… schnell eine KWS (Kleine Wein Schorle, Anmerkung der Autorin  ) für dich, dass die Stimmung wieder steigt.“ Und: „4:1 für uns“, informierte mich Andi. Marco fügte ein „Mindestens“ hinzu und Andi wusste zudem, dass „3 Tore in der 2. Halbzeit fallen“, was Stefan mit „in der Nachspielzeit“ ergänzte. „Du wieder mit deinen Gefühlen“, echauffierte sich Klaus. Tja, wer solche Freunde hat, der hält auch die Fürther Kollegen aus…

Nein, ich hab sie freilich alle lieb und unser Geplänkel furchtbar vermisst. Als wir vor dem Spiel gemeinsam im Wanner saßen, war das wie Heim kommen. Wie hat mir der Glubb doch gefehlt! Endlich wieder Fußball, endlich wieder fachsimpeln mit den Freunden oder anderen Glubbfans, die man gar nicht kennt. Endlich wieder rumblödeln, schimpfen, träumen. Und planen. Die nächsten Auswärtsfahrten und den Aufstieg.

Stand ja jetzt in der Winterpause auch überall zu lesen. Der 1. FC Nürnberg ist erster Aufstiegsaspirant und Favorit bei den Wettanbietern. Immerhin haben wir uns mit drei Mann verstärkt, auch wenn Cedric Teuchert und Rurik Gislason unseren Glorreichen verlassen haben. Die Testspiele liefen gut, die Schotten schlug man gar mit 5:0.

Es war also alles bereitet, für einen schönen erfolgreichen Fußballabend. (Über einen Zweitliga-Start unter der Woche um 20.30 Uhr lasse ich mich an dieser Stelle nicht aus.)

Aber was, bitteschön, war das dann für ein Auftritt gestern Abend?

Es war eine der schlechtesten ersten Halbzeiten, die ich diese Saison von unseren Jungs gesehen habe. Auch wenn ich das Einsteigen der Regensburger teilweise als überhart empfand, und weit mehr als ein „aggressives Pressing“, so waren unsere Mannen doch völlig indisponiert. Fehlpässe und technische Fehler wie in den besten Schwartz-Zeiten. Der Pausenrückstand war völlig verdient. Auch wenn ich wirklich nicht verstehen konnte und kann, wie eine Mannschaft zwei so völlig verschiedene Gesichter haben kann. Einmal mit fußballerischer Klasse, Leidenschaft und Kampfgeist – und dann wieder fast schon lustlos und ängstlich mit individuellen und kollektiven Fehlern. Ist der Aufstiegsdruck auf das junge Team doch zu groß? Hatten gestern alle einen schwarzen Tag erwischt? Sogar Ewerton! Die ersten 45 Minuten waren wirklich kaum zum Anschauen. Dennoch: Die Pfiffe aus den eigenen Reihen konnte ich nicht nachvollziehen. Wozu ein ohnehin offensichtlich schon verunsichertes Team noch mehr runterziehen?

Die zweite Spielhälfte verlief dann wenigstens ein bisschen erfreulicher. Das absolute Highlight war natürlich das Tor von Edgar Salli. Ich habe mich wirklich aus tiefstem Herzen für ihn gefreut! Ob alle „Salli“-Rufe, die anschließend durchs Achteck schallten, aber tatsächlich ernst gemeint waren? Hoffentlich versteht der Kameruner fränkische Ironie nicht. Vielleicht ist jetzt tatsächlich der berühmte Knoten bei ihm geplatzt. Den Sieg-Treffer hatte er ja noch auf dem Fuß. Näher am Sieg waren am Ende aber wieder die Regensburger und letztendlich muss der Aufstiegsaspirant Nürnberg mit dem einen Punkt gegen Abstiegsaspirant Regensburg zufrieden sein.

Was für ein Glück, dass andere es auch nicht besser machen – um gleich mal allen „Der Glubb is a Debb“-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Kiel und Ingolstadt spielten ebenfalls unentschieden und wenn Düsseldorf heute verliert, sind die ersten drei der Tabelle sogar punktgleich. Immer noch also beste Voraussetzungen für den Aufstieg also. Ich habe ein gutes Gefühl!