20. Spieltag – Club gegen Union Berlin

Zeitmaschine

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Was gerade eben passiert, steht in zwei Minuten schon im Netz und ist in fünf Stunden schon wieder veraltet. Zudem habe ich das ungute Gefühl, dass mit zunehmendem Alter, die Zeit immer schneller rast. Ist es tatsächlich schon wieder fast elf Jahre her, dass wir den Pokalsieg glückselig und freudetrunken gefeiert haben? Dass wir seitdem zwei Mal abgestiegen sind und nun schon wieder die vierte Saison in dieser vermaledeiten und ungeliebten zweiten Liga rumgurken? Dass uns unsere Auswärtsfahrten in so aufregende Orte wie Sandhausen, Heidenheim und Aue führen? Wie gestern kommt es mir vor, dass wir zum diesjährigen Saisonstart Ende Juli Lautern mit 3:0 geschlagen haben. Und im Stadion alle gehofft und gespürt haben: Das kann was werden diese Saison! Und jetzt ist tatsächlich schon der 20. Spieltag vorbei – und unser Herzensverein steht auf Platz 2!

Während also Jahre vergehen wie Monate und Stunden wie ein Wimpernschlag, und ich mir oft wünschte, die Zeit anhalten oder wenigstens verlangsamen zu können, gibt es genau eine Situation, in der ich mir nichts mehr herbei sehne, als einen Zeitbeschleuniger.

Jeder Clubfan weiß ganz genau, was ich meine.

Es ist für mich ja ohnehin schon schlimm genug, ein Fußballspiel des Glorreichen brav auf einem Stuhl sitzend anschauen zu müssen. Noch schwieriger wird´s dann, wenn nach einem flotten Beginn der Rot-Schwarzen und einem frühen Einsnull die Partie immer zerfahrener und fehlerhafter wird. Wenn plötzlich aus allen Ecken und Enden immer mehr geschimpft und gesottert wird. Wenn Gegentore herbei geredet werden („Edz bassierd’s!“) und den immer gleichen eigenen Leuten Fehler zugeschrieben werden („Des woar gloar, dass der denn widda blous vurdrischt!“).

Dann gibt es ihn doch plötzlich, diesen wundersamen Zeit-Entschleuniger. Dann vergehen Wimpernschläge wie Sekunden und Minuten wie Stunden. Ab der 11. Minute habe ich mir inbrünstig den Abpfiff gewünscht. Genützt hat es freilich nichts. Weitere 83 Minuten habe ich mal wieder gelitten, mit schweißnassen Hände ab und zu an meinem Bier genippt, krampfhaft versucht, die Kommentare der anderen Kneipenbesucher auszublenden, habe mir die Augen zugehalten, gezittert. Was ein Glück, dass die Unioner ihre guten Chancen nicht nutzten und unser Torwart Fabian Bredlow einen weitaus besseren Tag hatte als gegen Regensburg. Spielbestimmend waren eindeutig die Hauptstädter, unsere Mannen zeigten kaum Offensivgeist – was auch nicht gerade dazu beitrug, meinen Puls zu beruhigen.

Nun, aber ich will nicht jammern. Das ist erstens unsexy und zweitens nicht nötig: Wir haben ganz souverän und entspannt drei Punkte in Berlin geholt, liegen aktuell auf Platz 2. Clubberer-Herz, was willst du mehr? Außer vielleicht, dass die Zeit schneller vergeht und dies schon der 34. Spieltag gewesen wäre….